Tische mit nur einem Stuhl

Zwei alte Männer sitzen an einem runden, grün-metallenen Gartentisch. Unter Bäumen, die kaum Blätter tragen und jene die verblieben, sind gelb und Ockerfarben. Beide sind in Jacken eingemantelt, tragen würdevoll ergraute Bärte und Brillen von früher. Sie unterhalten sich, vermutlich über komplexe akademische Modelle und den Sinn des Lebens.

Ich bemerke ihn spät, aber nur ein paar Fuß von mir schwebt ein Kolibri vor den verbliebenen Blüten an dem Strauch der die Palme umrahmt. Ich halte inne. So etwas habe ich zuvor noch nie gesehen und der Moment wird zu einer Geschichte. Ich erinnere mich an das Telefon in meiner Hosentasche. Langsam greife ich danach und während ich es herausnehme wird mir bewusst, dass ein Foto nicht zustande kommen wird. Ich verändere die Bewegung nicht und in dem Moment in dem der Vogel mein Sichtfeld verlässt ist es mir auch vollkommen egal. Ich stecke das Telefon wieder ein.

Die beiden alten Männer sind vermutlich Professoren, sehr intelligent und wohl belesen. Sie sind sicher im Schachclub, sprechen mehrere Sprachen und lösen später gemeinsam mathematische Probleme bei einem Glas exzellenten Rotwein. Oder sie sind Hausmeister, das weiß man ja immer nicht.

Ich betrete das Cafe und bestelle ein Schokoladencroissant. Ich zeige auf Gebäck und frage die Bedienung was es sei. Es sei fantastisch entgegnet sie, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen zu erklären um was es sich beim Objekt meiner Begierde handelt. Dabei lächelt sie. Einfach so.

Mit dem Kaffee und den Teilchen stehe ich am Tresen. Ich schaue mich um, suche nach dem idealen Sitzplatz um sich zu setzen und Menschen zu beobachten. Am Eingang stehen Sofas, die ich kurz in’s Auge fasse. Am Ende des Flurs stehen drei Couches. Zwei braune, eine aus Leder und eine mit Stoffbezug. Eine schwarze. Leder. Auf der braunen Ledercouch sitzt ein Student mit seinem Notebook, auf der anderen sitzt ein älterer Mann und schläft. Die schwarze Couch ist für mich reserviert. Ich versinke.

Ich sehe dem Studenten zu. Er programmiert, was man an den Farben auf dem Bildschirm erkennt. Was er genau macht bleibt ein Rätsel. Schuhe trägt er nicht. Ich denke kurz, dass er vermutlich sehr schlau ist. Dann sehe ich Schokoladenflecken auf seiner Jogginghose. So schlau kann er nicht sein. Der alte Mann schläft. Als er aufwacht, verwickelt er den Studenten in ein Gespräch über Hawaii, Rudern und die Tatsache, dass die Schweiz ein toller Ort zum leben sei. Der Student verlässt das Café und der alte Mann geht einen Kaffee holen.

Ein Mädchen betritt das Cafe. Sie hat blonde, schulterlange Haare. Sie trägt Jeans, bunte rauhe Lederschuhe und ein schwarzes Longsleeveshirt. Sie setzt sich an einen der Tische mit nur einem Stuhl. Das ist eine tolle Idee, Tische mit nur einem Stuhl. Sie steckt ihre Haare hoch bevor sie zwei Teller zu ihrem Tisch bringt. Beide zum bersten gefüllt, der eine mit french fries, der andere mit chicken wings und Barbecue Sauce. Sie sitzt mit dem Rücken zu mir. Abwechselnd überlegt und schreibt sie und manchmal greift sie zu den Tellern. Ich bin ein bisschen verliebt.

Ich bemerke Zettel an der Wand neben mir. „Create a poet“ steht schwarz auf drei weißen Stücken Papier, die zwar jeweils auf die richtige Größe zugeschnitten aber schief angebracht sind. Die Gedichte sind auf Servietten und braunem Recyclingpapier geschrieben. Gehalten werden sie mit Wäscheklammern an Schnüren. Ein paar Bilder sind dabei, Bleistiftzeichnungen und Aquarelle. Nebenan steht auf einem gelben Stück Papier in braunen Lettern:“…but please, don’t be constrained: Create.“

Ich möchte ewig hier sitzen.

Im Flugzeug

Im Flugzeug

Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit bin ich wieder auf Reisen. Ich war erst kürzlich unterwegs, aber so richtig Nach Reise fühlt es sich ja nur an wenn man einen Ozean überquert. Oder so lange Strecken mit dem Auto oder Zug, dass sie unwirklich erscheinen. Solche Strecken, die man eigentlich niemals mit dem Auto fahren würde.

Am Flughafen Triffst du die üblichen Menschen. Urlauber. Mama, Papa, Kinder. Pärchen. Nach San Francisco geht es. Wo die dicken Seelöwen im Hafen liegen. Die Katharina hat erzählt, dass die ja stinken, ihr ist das aber egal. Businesstypen. Die Jungen, denen du am Pullover ansiehst, bei welcher Beratung sie arbeiten. Die keine Zeit haben sich umzusehen und kein Interesse an den Einfachen Dingen. Und die Älteren, die auf den guten Plätzen sitzen, eine Zeitung aufschlagen und das Kreuzworträtsel lösen. Die, die den Eindruck machen, die ganze Sache verstanden zu haben.

Als ich in das Flugzeug steige schieße ich das obligatorische Rollfeld-Foto. Darauf muss ein Flugzeug zu erkennen sein. Am besten das Triebwerk oder noch besser ein wolkenverhangener Himmel, geheimnisvoll und so. Man schreibt nicht dazu wo es hin geht, viele wissen es ja noch nicht und man möchte ihnen das Gedankenkino zum Geschenk machen. Hudson Filter drüber, den nehme ich immer. Ich streiche auch immer durch alle anderen aber am Ende wird es fast immer Hudson. Instagram, Facebook, Twitter. Handy aus. Die Kommentare liest man später.

Ich steige ein, setze mich und freue mich über meinen Sitz am Gang. Nach den ersten 2-3 Flügen nimmt man den. Vorher natürlich Fensterplatz. Den nimmt man nur dann weiter, wenn man ein toller Mensch ist, man sich an diesen kleinen Dingen erfreuen kann. Der Mittelsitz ist frei, rechts am Fenster sitzt ein Mann in meinem Alter. Er ist in ein Computerspiel vertieft.

Nach dem Start vergehen nur wenige Minuten. Die Stewardess kommt sehr zügig und es überkommt mich ein Gefühl das ich letztlich lange nicht hatte. Eine Mischung aus Fern- und Heimweh. Es passiert, wenn sie Tee servieren. Den schwarzen, starken Tee, in den weißen Twining Bechern aus Pappe, mit einem kleinen Stäbchen Zucker und einem kleinen Pöttchen Milch und einem klitzekleinen Umrührstäbchen. Mit dem britischen Akzent und mit dem Lächeln mit den krummen Zähnen. Mit einem kleinen Körbchen in dem Trailmix, Crisps und double chocolate cookies liegen. Man freut sich sehr, dass da nicht Studentenfutter drauf steht oder Kartoffelchips. Schokoladenkeks. Man erinnert sich an die schönen Momente in diesem liebenswerten kleine Fleckchen Erde und dann sieht man im Augenwinkel die Flasche Wasser. Highland spring steht darauf. Schottland.

Der Mann links neben mir ist blind. Er ist dick und zwar überall. Er hat große Schuhe an, diese orthopädischen. Eine etwas zu weit geschnittene Hose, die zwar am Oberschenkel spannt aber zum Knöchel nicht enger wird. Er trägt ein Hemd, das knapp über seinem Bauch spannt und er hat Aufgequollene Finger, die aussehen wie die eines Bauarbeiters der zu lang gebadet hat. Er hat ein rundes Gesicht mit weichen Gesichtszügen und einem Doppelkinn. Er hat diesen zufriedenen Blick, den man so oft bei blinden Menschen sieht. Er sieht aus, als hätte er Frieden mit dieser Welt geschlossen.

Man weiß ja nicht, ob das nötig war, Frieden mit der Welt zu schließen. Vielleicht gab es ja nie Ärger, zwischen dem blinden Mann und der Welt.