Snowboard Davos

Der gute Schmerz

Ich segle durch die kalte Luft. Wahrscheinlich zwei, vielleicht drei Meter über dem Boden. Tausend Gedanken gehen durch meinen Kopf. Was für eine schöne Aussicht, wie ich den Rest des Tages wohl verbringen werde. Ich denke an Berlin, bald bin ich wieder dort. Zu Hause. Alles ist gut.

Es ist einer dieser Momente in denen man schwerelos ist. Sorgenlos. Man ist gestürzt und nun kann man sowieso nichts mehr tun. Zeitlupe. Ich weiß genau, das ich gleich aufschlage und ich weiß auch dass es weh tun wird. Aber nicht schlimm, denn der Schnee ist weich und wird mich auffangen wie eine aufgeschüttelte Daunendecke auf einer Hotelbettmatratze. Ich denke daran wie ich Minuten zuvor auf der Spitze des Steilhangs saß und auf die Piste herab sah. Die vereiste, schlecht präparierte Piste die mir zuvor jeden Spaß raubte. Ich lächelte.

Als ich aufschlage spüre ich einen drückenden, beißenden Schmerz in der Hüfte. Ich pralle ab und rutsche ein paar Meter bis ich schließlich liegen bleibe. Mein Rücken schmerzt. Ich liege ein paar Sekunden da und warte bis sich meine Atmung beruhigt. Irgendwann drehe ich meinen Kopf nach oben. Fels. Panik.

Wenige Meter über mir also, wo ich Sekunden zuvor eingeschlagen war, ragt eine graue Felsspitze aus dem Boden und ruft mir zu:“Jetzt bist du am Arsch!“

Panisch greife ich an meine Beine und versuche meine Zehen zu bewegen. Es klappt, alles ist OK. Als ich aufstehe weiß ich genau, dass es nur deshalb nicht weh tut, weil ich voll mit Adrenalin bin. Schön. Ich laufe die Piste hinunter, in die Bergbahn, in den Bus auf dem ‚Spital‘ steht.

Der Arzt drückt an mir herum und fragt mehrmals ob ich tatsächlich vom Gletscher hierher gelaufen sei. Aua! Ja! Ob ich irgendwo ein Taubheitsgefühl habe. Immer wieder. Röntgen. Die Krankenschwester entschuldigt sich für die kneifende Bleiweste. Das ist OK.

Da sei was an den Wirbeln. Das könne man auf dem CT dann später besser sehen. OK. Die Krankenschwester betritt mein Zimmer. Ob ich der mit dem Rücken sei. Ja. Ungläubige Blicke zum leeren Bett. Ob ich mich bewegen dürfe. Sie sucht das versichernde Nicken des Arztes. Auf dem Flur schaut sie mich erfürchtig an. Angst.

Ich entschuldige mich für meinen fusseligen Bauchnabel. Sie lacht und stößt sich den Kopf an der Maschine. Entschuldigung.

5 Minuten. Dann sind die Bilder da. Alles in Ordnung. Geprellt. Gestaucht. Schmerzmittel und Pflaster. Nur Pflaster bitte. Den Schmerz habe ich mir verdient. Danke.

Anziehen dauert 10 Minuten. Schuhe binden? No way, idiot!

Im Hotel angekommen, eine heiße Dusche nehmen. Jede Bewegung schmerzt, der Schock-Modus ist deaktiviert. Ein beherzter Griff an den Rücken offenbart einen Bluterguss der Größenordnung und Konsistenz einer Kinderwärmflasche. Einfach da stehen. Das heiße Wasser läuft wie Öl an meinen Schultern herab. Keine Gedanken. Dankbarkeit.

Ich genieße jeden Moment in dem es weh tut. Ich habe mir diesen Schmerz hart erarbeitet. Ich war unzufrieden und dann war ich unsinnig genug einen gefährlichen Weg zu wählen. Ich liebe jede Sekunde in der ich mich nicht so bewegen kann wie ich es möchte. Mir wird bewusst was hätte passieren können und ich fühle tiefe Dankbarkeit, dass ich spüren darf. Das ich mich nicht dagegen entschied. Ich denke an die nächsten tage, die ich nicht auf der Piste verbringen werde und freue mich jeden einzelnen für wenige, besondere Sekunden eingetauscht zu haben.

Ich kann Menschen nicht verstehen, die lieber 5 Tage auf einer vereisten Piste fahren um eine 50% höhere Chance zu haben nicht zu stürzen, statt dorthin zu fahren wo die Warnschilder groß und blutrot sind. Dort, wo die Chance auf ein besonderes Erlebnis 100% höher ist. Ich werde mich nun tagelang ärgern. Aber nichts bereuen!

2 Gedanken zu „Der gute Schmerz

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