New York Diner

Gute Menschen

Ich sitze im Restaurant. Eigentlich ist es eine kleine Hütte, mitten in der Stadt. Die Holzbretter an der Fassade sind dunkel gestrichen. Das Wetter hat sich an ihnen gerieben. Die Farbe ist  tief in das Holz eingezogen und wehrt sich nicht, blättert nicht ab oder wird spröde. Kraftlos verblasst sie einfach. Es ist kalt draußen. Drinnen auch.

Ich setze mich in eine ruhige Ecke an einen Einzeltisch neben dem Fenster. Schräg Gegenüber ist ein leerer Tisch mit zwei Stühlen, links von mir verlängert sich die lederbezogene Sitzbank entlang mehrerer Einzeltische mit Stühlen auf der gegenüberliegenden Seite.

Die Kellnerin kommt, reißt ein Stück Papiertischdecke von der großen Rolle im Schrank und legt sie vor mir auf das Holz. Sie stellt ein Glas Leitungswasser mit viel Eis darin auf den Tisch, setzt sich und schlägt die Beine übereinander, während sie mich ansieht. Sie ist relativ groß, dünn – ein wenig knochig, hat feine rote lockige Haare und Lippen die wie von einem Bleistift-Zeichner in ihr Gesicht gemalt wirken. Sie ist ruhig und gelassen, analytisch und selbstsicher. Sie schaut mich aufmerksam an, mustert mich und fragt mit ihren Augen:“Wer bist du?“

Sie nimmt einen Stift aus ihrer Bluse und tänzelt ihn mit ihren dünnen Fingern in eine Position, in der er neben seinem Dasein als Accessoire ihrer  Hand auch zum aufmalen von Gedanken fungieren kann. Sechs Gerichte gibt es heute und jedes einzelne beschreibt sie mir, mit gewählten Worten, ohne dabei prätentiös zu wirken und ohne ihre Augen nur eine Sekunde von mir zu nehmen. Sie schreibt Wörter auf die Papiertischdecke, eines nach dem anderen, zum Takt ihrer Beschreibung. Dann steht sie auf und geht.

Eine Gruppe Menschen betritt den Raum, die Kellnerin begleitet sie an den großen Tisch zu meiner Linken. Musiker. Künstler. Ihre Instrumente stellen sie dahin wo Platz ist, wenn auch nur kurz. Ein junges Pärchen wird an den Tisch schräg gegenüber gesetzt. Ich bin gelangweilt, habe heute keine Lust Menschen anzusehen. Ich schaue auf mein Telefon, auf die Fotos vom Vormittag. Die Kellnerin bringt mein Essen, es ist gut. Nicht besonders, aber ehrlich gut.

Eine Frau betritt den Raum. Sie ist durchschnittlich groß, hat braune lockige Haare die unter einer blauen Wollmütze mit Bommel herausschauen. Sie trägt eine dicke Jacke, an die ich mich nicht im Detail erinnere. Eine Hose vermutlich auch. Dicke, wollene Fausthandschuhe kleiden ihre Hände mit denen sie ein kleines Kind auf ihrem Oberkörper hält.  Bevor sie sich setzt, darf das Kind auf den Arm einer Freundin. Sie nimmt die Jacke ab, steck die Handschuhe in die Taschen. Die Mütze bleibt auf. Sitzend sieht sie noch kleiner aus als zuvor.

Am Tisch entstehen lebhafte Diskussionen und lautstarkes Lachen. Sie sitzt mittendrin. Am Rand. Sie lächelt viel, spricht wenig. Sie bestellt ihre Mahlzeit und ein Getränk. Als das Essen kommt, sieht man alle Gerichte die das Restaurant zu bieten hat. Gesunde, grüne Salate. Fisch, Reis, Steak. Alles ist schön angerichtet, auf Tellern die mehr Leinwand sind als Geschirr. Sie bekommt einen Hamburger, die obere Hälfte liegt aufgeklappt rechts von der unteren. Sie bestellt Ketchup und Senf nach, streicht beides großzügig auf die von den Zwiebeln befreite obere Hälfte und vollendet ihr Meisterwerk. Während sie die Diskussion am Tisch aufmerksam entfolgt, isst sie langsam und genussvoll. Manchmal lächelt sie. Offensichtlich nicht  der Konversation wegen.

An manchen Tagen bin ich wie Sie. Heute packe ich meine Sachen und ziehe weiter.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.