Reisen und Neid

Aus einer persönlichen Beobachtung heraus habe ich mich entschlossen diesen Text zu schreiben. Primär aus dem Grund, im Fall einer Diskussion darauf verweisen zu können. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis wurde ich manchmal beneidet, was meine Reisen anging und dies wurde teils sehr offen / transparent, teils sehr subtil geäußert. Manchmal lustig, oft ironisch, hier und da auch sehr negativ.

Reisende werden oft beneidet und so wird der ein oder andere sich hier vielleicht wiederfinden: Kontaktiert mich gerne, wenn ihr etwas zum Artikel beitragen möchtet!

Was ist Neid

Der Duden definiert Neid wie folgt:

„Empfindung, Haltung, bei der jemand einem andern dessen Besitz oder Erfolg nicht gönnt und selbst haben möchte.“

Wikipedia liefert eine Begriffsabgrenzung mit:

„Unter Neid versteht man das moralisch vorwerfbare (emotionale) Empfinden, die Besserstellung anderer Personen oder Gruppen sei ungerechtfertigt. Ähnlich ist der Begriff der Missgunst. Fehlt es am ethischen Vorwurf des Verübelns, spricht man auch von Unbehagen gegenüber Vorteilen anderer (Besitz, Status, Privilegien), die man selbst nicht hat.“

Es werden weiterhin konstruktiver und dekonstruktiver Neid differenziert:
Konstruktiver Neid führt dazu, dass die neidende Person Maßnahmen ergreift um selber in gleichwertigen Besitz / Status zu gelangen. Bei dekonstruktivem Neid geht es dem Neidenden darum den Besitz / Status des Beneideten für sich selbst zu entwenden oder ihm gar Schaden zuzufügen.

Für mich ist Neid etwas Normales und oft Gutes. Ich glaube der Wohlstand einer Gesellschaft kann u.a. durch Neid steigen und fair verteilt werden: Oft ist es so, dass Einzelne mit besonderen Ressourcen (Rohöl) oder Fähigkeiten (IT Fachwissen) eine Nachfrage in besonderem Maße abdecken können. Dann können beide oben genannten Formen des Neids für eine Umverteilung sorgen: Entweder werden andere Mitglieder der Gesellschaft sich die nötigen Ressourcen oder Fähigkeiten aneignen um selbst Profit zu erlangen oder – wenn dies bspw. nicht möglich ist – dafür sorgen das die Profite gerecht umverteilt werden.

Auf das Reisen bezogen, halte ich letztere Variante für nicht notwendig, denn die Ressourcen zum Reisen sind von jedem erlangbar und die Fähigkeiten von jedem erlernbar.

Wie gehe ich persönlich mit Neid um?

Befinde ich mich in der neidenden Position, bin ich also neidisch auf jemand anderen, versuche ich zu reflektieren:

  • Macht mein Neid überhaupt Sinn: Will ich wirklich was der/die Andere hat?
  • Wenn ich es will: Habe ich alles nötige unternommen um es zu bekommen?
  • Was hat derjenige den ich beneide getan, um es zu bekommen? Bin ich fähig und bereit dasselbe zu leisten / geben?

Manchmal komme ich durch obige Fragen dann zu einem eindeutigen Ergebnis und kann das Thema für mich abhaken.

Beispiel: Ein guter Freund ist durch viele Business-Class-Flüge Senator der Star Alliance, was ich auch gerne wäre. Ich wäre es auch weiterhin gerne, aber neidisch bin ich nicht auf seinen Status, da er ihn zu einem Preis erkaufte den ich zu zahlen nicht bereit wäre: Arbeiten für einen großen Konzern, jahrelange Auslandseinsätze, entsprechender Erwartungsdruck vom Unternehmen und private Entbehrungen.

Sehr oft komme ich zu einem formal eindeutigen Ergebnis, bleibe aber weiterhin neidisch. Das ist dann (auch für mich selbst) schwierig zu verstehen, vor allem aber schwierig zu handhaben. Ich kann aktiv nichts an meiner Gefühlslage ändern, Passivität bringt mich ebenfalls nicht weiter. Wichtig ist mir dann, nicht dekonstruktiv zu werden. Auch mir selbst gegenüber. Viele Dinge die ich nicht habe, habe ich aus freier Entscheidung aufgegeben. Wenn ich bemerke, dass sie mir fehlen, muss ich mich einfach daran erinnern was ich stattdessen habe/hatte. Niemand hat mir etwas weggenommen.

Beispiel: Ich war ein sehr schlechter Schüler, habe spät mein Abitur nachgeholt und auch im Studium Zeit vertrödelt. Während viele meiner Freunde mit 24 in die Arbeitswelt starteten trat ich meinen ersten Vollzeitjob mit 28 Jahren an. Das kann ich nicht mehr ändern. Ich kann nun neidisch sein, auf Jene die ihre Chancen wahrgenommen haben, aber nur konstruktiver Neid wird mich weiterbringen: Mein (konstruktiver) Neid auf die Vorteile eines Studiums haben mich veranlasst mein Abitur nachzuholen und zu studieren. Ich bin heute sehr froh damals fuchtbar neidisch auf meine Freunde gewesen zu sein!

Wie gehe ich persönlich mit Neidern um?

Befinde ich mich in der beneideten Position, sind also andere Personen neidisch auf mich, versuche ich ebenfalls zu analysieren:

  • Gebe ich einen Grund neidisch auf mich zu sein?
  • Wenn ja: Muss ich das ändern, verhalte ich mich falsch?
  • Werden die Menschen mir gegenüber ablehnend, fordernd, aggressiv?

Davon ausgehend, dass ein Mensch nicht zu unrecht neidisch sein kann bzw. ein Recht auf Neid hat muss ich mich also Fragen: Wie gehe ich mit dem Neid anderer Menschen um?

Beispiel: Bei meinem ersten Arbeitseinsatz im Ausland habe ich ein Foto am Hotelpool gemacht und mit dem Untertitel „It’s a hard knock life…“ veröffentlicht.
Ich bekam damals viel Kritik für dieses Foto!

Ich habe mein Posting-Verhalten danach geändert, den Kontext transparenter gemacht. Ich habe weiter ähnliche Fotos veröffentlicht, dann aber mit der Erklärung dass es beim Auslandseinsatz üblicherweise 50-100% Mehrarbeit gibt und man die 5-6 Stunden Freizeit die man pro Woche hat entpsrechend nutzt. Meine Leserschaft blieb wohl neidisch, brachte aber mehr Verständnis auf.

Die schlimmste Begleiterscheinung von Neid, dekonstruktivem Neid, ist jene die subtil geäußert und in ironischen oder sarkastischen Kommentaren versteckt wird. Neid der in eine implizite Forderungshaltung übergeht, sich entschuldigen oder revanchieren zu müssen.

Beispiel: Wenn ich lange auf Reisen war, hatte ich bei einigen meiner Freunde das Gefühl aus ihrer Sicht in einer Art Bringschuld zu sein: Da ich mich aktiv ihrem Leben entzogen hatte, war es nun an mir Termine für Treffen zu finden und die Informationen einzuholen, die ich verpasst hatte.

Ironisch geäußerte Aussagen wie:“Ich hasse dich [dafür das du xyz besitzt/erlebst]“, zeigen zwar offen Neid aber lassen oft nur schwer erahnen ob sie nun letztendlich mit Kritik und Aggresivität einhergehen oder nicht.

Diese Form von Neid, ist für mich nicht handhabbar und ich nehme heute ggf. Abstand von Menschen die sie mir gegenüber anbringen / ausstrahlen. Das ist nicht pauschal so, aber immer öfter.

Ein Grund hierfür ist, dass ich mich nicht in einer Bringschuld sehe, für meine Entscheidung so zu leben wie ich das heute tue. Da ich dies so sehe, empfinde ich diese sozialen Kontakte als unausgeglichen, anstrengend und belastend. Das geht dem jeweiligen Gegenüber vmtl. ebenso mit mir. Auch Freundschaften die mir wichtig sind, litten darunter und schlafen heute leider ein. Vielleicht wird das anders sein, wenn alle Beteiligten wieder in miteinander kompatiblen Lebenssituationen ankommen.

 

„Nur wer in Armut, im Unglück, in der Schande lebt, ist vor Neid sicher.“ – August Lämmle

2 Gedanken zu „Reisen und Neid

  1. Hallo, spricht mir aus dem Herzen.
    Ich selbst brauche und habe kein Haus, kein Auto, keine Einbauküche, tolle Möblierung pp.
    Das spart mir rundherum min. 500 Euro, wenn nicht mehr. Außerdem brauche ich dann auch nichts vom Baumarkt, Gartencenter u.s.w.
    Wiederum sind dann die Leute, die Häuser und Autos besitzen total neidisch, wenn ich mir Reisen, gutes Essen ins Lokalen und Einkauf in Bioläden leisten kann.
    Ist das nicht kirre, sage ich mir.
    Ich könnte dann ja wieder neidisch sein auf deren Häuser, Einbauküchen und Auto – aber bin ich nicht und will ich mir auch nichts an das Bein binden.

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